Wie alles begann vor 70 Jahren

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurden sämtliche Chöre und Chorvereinigungen aufgelöst. Es befanden sich darunter Vereine, die bereits über eine 100-jährige Chortradition verfügten. Dies betraf beispielsweise den Männergesangsverein Bautzen, den Rietzelschen Männerchor Bautzen, den Männergesangsverein Sängerbund Bautzen, den Lehrergesangsverein Bautzen und eine ganze Anzahl kleinerer Gruppen. Durchschnittlich zählten die genannten Chöre bis zu 100 aktive Mitglieder. Einen Hauptanteil aber bildete die aus der Arbeiterbewegung hervorgegangene Volkssingakademie, die 1920 aus dem 1896 gegründeten Männerchor Arbeitergesangsverein "Lied Hoch" und aus dem 1912 gegründeten Frauenchor Arbeitergesangsverein "Lied Hoch" bestand. Dessen Vorsitzender, Paul Michalk, erhielt als erster den Auftrag, auf Wunsch der sowjetischen Stadtkommandantur, die Tätigkeit der Volkssingakademie wieder aufzunehmen und damit einen Teil des kulturellen Lebens in der Stadt Bautzen wieder in Gang zu bringen.

Unter der Leitung des bisherigen Chorleiters, Albert Wotruba, ab dem 08. September 1945 Musikbeauftragter der Stadt, wurde mit den Proben in der Aula der Lutherschule Bautzen am 25. Juli 1945 begonnen. Der erste Auftritt erfolgte bereits am 29. September 1945 anlässlich des "Tages der Opfer des Faschismus". Aber auch alle Mitglieder der ehemaligen Chöre sollten in das kulturelle Leben einbezogen werden. Durch die Bekanntmachung Nr. 8 vom 27. September 1945 wurden daher ehemalige Mitglieder der aufgelösten Chöre aufgefordert, am 19. September 1945 an einer Beratung über die künftige gesangliche Tätigkeit teilzunehmen. Leider war diese so schwach besucht, dass zu einer zweiten Beratung am 3. Oktober 1945 eingeladen werden musste.

Auf Grund der Bestimmungen waren im Stadtgebiet Bautzen nur 2 Chöre zugelassen, die aber mindestens je Chor 40 Sänger umfassen sollten. Dies führte dazu, dass die bereits bestehenden Bautzener Volkssingakademie und die Männerchorgemeinschaft die Pflege des Liedes übernahmen. Beide Chöre musizierten gemeinsam unter der Leitung des altbewährten Oberstudienrates Prof. Albert Wotruba. Zwangsläufig ergab sich eine Vereinigung beider Klangkörper am 15. April 1947. Unter der Obhut des städtischen Kulturamtes wurde der Städtische Chor Bautzen gegründet. Diese Vereinigung brachte insofern finanzielle Vorteile, dass zumindest die Kosten für den Chorleiter durch das Kulturamt getragen wurden. Zu diesem Zeitpunkt ergab sich, dass Chorleiter Wotruba aus Altersgründen seine Tätigkeit nicht mehr ausüben konnte.Nachdem die vom Rat der Stadt vorgeschlagenen Nachfolger durch den Chor infolge Nichteignung abgelehnt wurden, genehmigte die Kommandantur im März 1947 die Bestellung des ehemaligen Dirigenten des Lehrergesangsvereins Bautzen, Martin Bauer, zum musikalischen Leiter des Chores. Schon im Oktober desselben Jahres fand eine Aufführung des Oratoriums "Die Glocke" von Bruch unter Mitwirkung der Staatskapelle Dresden und namhafter Solisten statt. Es war ein erster, großer Erfolg.

Martin Bauer
Martin Bauer
Der Kostenaufwand von 3268,25 Mark wurde durch die Einnahmen voll gedeckt, da die Veranstaltung ausverkauft war. Sie erbrachte sogar dem Rat der Stadt einen Überschuss von 400 Mark. Dessen ungeachtet wurde dem Chor eine Rechnung von 116 Mark für die Benutzung der Aula der Lutherschule zu Proben vorgelegt, für die es trotz mehrerer Verhandlungen keinen Erlass gab.

Die erste gesellige Veranstaltung am 21.02.1948 in den Kronensälen in Form eines bunten Abends konnte als voller Erfolg für alle Beteiligte gebucht werden. Dessen ungeachtet fand sich der Chor schon damals zu internen Veranstaltungen zusammen. Ein Singen unter dem Weihnachtsbaum beendete das musikalisch für den Chor so anspruchsvolle Jahr. Ende des Jahres bestand der aktive Chor aus 84 Männer- und 75 Frauenstimmen.

An dem im Jahre 1948 erstmalig stattfindenen Laienkunstwettbewerb nahm der Chor teil, in dessen Verlauf der gemischte Chor als Sieger hervorging. Bereits am 30. Mai 1948 war die Wiederholung der Aufführung des Oratoriums „Die Glocke“ unter der Leitung von Martin Bauer angesetzt.Trotz des überaus guten Besuches konnten die Kosten von 5633,00 Mark nicht gedeckt werden. Dadurch entstand ein Defizit von 1299,57 Mark, welches zu Lasten der Chorkasse ausgeglichen werden musste. Die Aufführung fand reichlich Beifall und war jederzeit gelungen. Der hervorragende Interpret der Partie des Meisters und Sängers der Glockensprüche, Herr Zimmer aus Dresden, dankte dem Chor in besonderen Maße für seine Leistungen schriftlich und lud ihn ein, das Werk in Dresden zur Aufführung zu bringen. Dies scheiterte an der Kostenfrage.

Am 30. Oktober 1949 kam es zur Aufführung der IX. Sinfonie von Beethoven unter Mitwirkung der Staatskapelle Dresden und am 10. November 1949 veranstaltete der Chor ein a capella Chorkonzert. Für den Solisten Franz Richard Schmidt aus Leipzig musste eine zusätzliche Verpflegung beim Kreisernährungsamt beantragt werden. Über den Inhalt der Vortragsfolge ist leider nichts bekannt. Am Ende des Jahres 1949 setzte sich der Chor aus 92 Männer- und 83 Frauenstimmen zusammen. Im Zuge der Reorganisation im Chorwesen wurden die Chöre der „Deutschen Volksbühne“ unterstellt. An einer Festaufführung anlässlich der Goethefeier beteiligte sich der Chor. An der Aufführung wirkten 450 Sängerinnen und Sänger mit. Sie stand unter der Leitung von Martin Bauer. Im Programm kam erstmals wieder das Pfingstsingen zu Aufführung, wobei die Auswahl des Austragungsortes stark diskutiert wurde. An der Schillerschule fand das Pfingstsingen statt.

Im Dezember wurde der Chor durch die DSF (Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische-Freundschaft) aufgefordert, die Stalinkantate aufzuführen. Sie stand unter der Leitung des 1. Kapellmeisters des Stadttheaters Bautzen. Die musikalische Tätigkeit des Chores war 1950 auf das Pfingstsingen und einen Volksliederabend am 4. November beschränkt. In dieser Zeit schied der bisherige Chorleiter Martin Bauer aus seinem Amt aus und nach langwierigen Verhandlungen erklärte sich der ehemalige Chorleiter des früheren „Rietzelschen Männerchores“, Georg Kuhnke, Löbau, bereit, den Chor zu übernehmen.

Georg Kuhnke
Georg Kuhnke
Eine gesellige Veranstaltung am 27. Oktober 1951 in Form eines Oktoberfestes im Volkshaus (ehemals Bürgergarten, jetzt Deutsch-Sorbisches Ensemble) war für die Mitglieder ein schöner Abend. In dessen Verlauf wurden auch unter Leitung des neuen Chorleiters heitere Lieder dargeboten.

Das Jahr 1952 stand im Zeichen der Beethoven – Ehrung. Unter der Regie des Stadttheaters führte der Chor unter der Leitung des damaligen 1. Kapellmeisters Christian Weber, die IX. Sinfonie auf. Die Einstudierung des Chores lag in den Händen des Chorleiters Georg Kuhnke. Anerkennenswert dabei ist, dass fast nur Mitglieder des „Städtischen Chores“ an der Mitwirkung der Aufführung beteiligt waren. Der Chor bestand damals aus 85 weiblichen und 79 männlichen Mitgliedern. Seitens des Chores war vorgesehen, ein weltliches Oratorium „Der reiche Tag“ von Paul Höffner, aufzuführen. Die hierfür von der deutschen Volksbühne erforderliche Garantie der Kostendeckung wurde zunächst abgelehnt, zumal man Anstoß an einigen Textstellen nahm, die zu einer Streichung innerhalb des Werkes führen mussten und damit die gesamte Aufführung beeinträchtigen würden. Die dazu geführten Verhandlungen führten zu keinem Erfolg, weshalb die Aufführung nicht zustande kam. Ein gemeinsamer Ausflug nach dem Honigbrunnen am Löbauer Berg mit anschließendem Konzert brachte dem Chor einen beträchtlichen Gewinn, der dem Chor über die angespannte finanzielle Lage weiterhalf. Es war ein Besuch von ca. 600 Zuhörern zu verzeichnen.